Geschichte · Jahrgang 6 Herrschaft im Mittelalter

Wer herrschte im Mittelalter – und warum? Quelle und Darstellung zur Grundherrschaft

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Worum geht es? Im Mittelalter lebten die meisten Menschen als Bauern auf dem Land – und sie waren nicht frei. Sie mussten für einen Herrn arbeiten und ihm Abgaben zahlen. Aber warum dachten die Menschen damals, dass das so sein musste? Diese Frage untersuchen wir heute mithilfe einer Quelle und einer Darstellung.
Material 1
Quelle
Wegen der Sünde des ersten Menschen ist dem Menschengeschlecht durch göttliche Fügung die Strafe die Knechtschaft auferlegt worden. Gott hat jenen, für die die Freiheit nicht passt, in großer Barmherzigkeit die Knechtschaft auferlegt. Und obgleich die Erbsünde durch die Gnade der Taufe allen Gläubigen genommen ist, hat der gerechte Gott die Menschen so unterschieden, dass er die einen zu Knechten gemacht, die andern zu Herren einsetzte, damit die Möglichkeit zu freveln für die Knechte durch die Macht der Herren eingeschränkt würde.
Burchard von Worms, Decretorum libri XX, entstanden 1008–1012 n. Chr.
Material 2
Darstellung
Die überwiegende Mehrheit der bäuerlichen Bevölkerung im Mittelalter befand sich in Abhängigkeit von einem Grundherrn, der meist zugleich Gerichtsherr war. Das Verhältnis zwischen Grundherrn und den abhängigen Bauern war ein Treue- und Schutzverhältnis: Die Bauern mussten dem Herrn dienen und Abgaben zahlen, der Herr wiederum war verpflichtet, die Bauern zu schützen und für Recht zu sorgen.

Die abhängigen Bauern hatten zahlreiche Pflichten zu erfüllen: Sie leisteten sogenannte Frondienste – sie mussten also Felder des Herrn bestellen, oft mit ihren eigenen Zugtieren und Geräten. Außerdem mussten sie Naturalabgaben liefern, also Teile ihrer Ernte abgeben. Daneben bewirtschafteten sie ihre eigenen Höfe zur Selbstversorgung.

Diese Gesellschaftsordnung wurde von den Menschen im Mittelalter als gottgewollt betrachtet. Es galt die Überzeugung, dass jeder Mensch an dem Platz zu bleiben habe, den Gott ihm zugewiesen hat.
Nach: Martin Deusch, „Bäuerliches Leben in der Grundherrschaft", in: Westfälische Geschichte (LWL), o. J.
📜  Wichtige Begriffe – Erklärhilfe
Knechtschaft – das Leben in Unfreiheit, Abhängigkeit von einem Herrn
Erbsünde – nach christlichem Glauben die Sünde aller Menschen seit Adam und Eva
Grundherr – Besitzer von Land und Herr über die darauf lebenden Bauern
Frondienst – Pflichtarbeit der abhängigen Bauern für den Herrn, ohne Bezahlung
Hörigkeit – Zustand der Unfreiheit; hörige Bauern durften den Hof nicht einfach verlassen
gottgewollt – von Gott so eingerichtet und daher unveränderlich

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Aufgaben
1
Lies die Quelle (M1) sorgfältig. Erkläre in eigenen Worten: Warum sagt Burchard von Worms, dass es Herren und Knechte geben muss? AFB I
Tipp: Suche nach dem Wort „Gott" in der Quelle. Was begründet Burchard damit?
2
Lies die Darstellung (M2). Nenne mindestens drei Pflichten, die abhängige Bauern im Mittelalter gegenüber ihrem Grundherrn hatten. AFB I
3
Vergleiche Quelle und Darstellung: Worin sind sie sich einig? Was erklärt nur die Quelle, was nur die Darstellung? AFB II
Tipp: Schau, was beide Texte über den Grund der Herrschaft sagen. Dann schau, was die Darstellung zusätzlich zeigt, was in der Quelle fehlt.
4
Burchard von Worms schrieb um 1010 n. Chr. – er war ein Bischof, also ein hoher Kirchenmann. Erkläre: Warum ist das wichtig, wenn wir seine Aussagen über Herren und Knechte beurteilen? AFB II–III
Tipp: Überlege, warum jemand, der selbst zur herrschenden Schicht gehört, die bestehende Ordnung als „gottgewollt" darstellt.